Samstag, 22. Oktober 2011

Die letzten zwei Tage war eine Entwicklungsbilogie-Konferenz

... im finnischen Outback. Das ganze findet jedes Jahr in Hyytiälä, der Waldforschungsstation der Universität von Helsinki, statt. Hyytiälä liegt 220 km nordöstlich von Turku an einem See im Wald. Hier mal zwei über das Anwesen von googlemaps (wenn man drauf klickt, kann man sie sich auch noch größer zeigen lassen):

 Die Lage - im Wand eben :)
Ein kleiner Übersichtsplan.

Los ging es am Freitag morgen um 8:00 Uhr an der Universität, ich habe noch schnell mein Poster vom Büro geholt und dann zusammen mit Ida, einer anderen Doktorandin, auf Matti, unseren Professor, gewartet. Gemeinsam haben wir dann noch Petra, die Dozentin, die Idas Doktorarbeit betreut zuhause abgeholt, da sie in einem Vorort wohnt der sowieso auf dem Weg lag. Dann ging es hauptsächlich über Landstraße nach Tampere und von dort weiter nach Hyytiälä. Unterwegs gab es eine Frühstückspause am Rasthof. Am Ziel angekommen, war außer uns noch niemand da. Tja, so ist das, wenn man viereinhalb Stunden Zeit für 220 km Fahrt einplant. Selbst mit der Pause und den Tempolimits auf finnischen Landstraßen und Autobahnen war klar, dass wir frühzeitig ankommen werden ;-). Also haben wir unsere Zimmer zunächst unter die Lupe genommen, Ida und ich haben uns einen Raum geteilt, Petra sollte ein paar Zimmer weiter mit jemandem aus Oulu untergebracht werden. Später stellte sich jedoch heraus, dass das Zimmer neben Ida und mir noch unbesetzt war und Petras "Mitbewohnerin" einen recht großen Hund dabei hatte. Somit zog sie dann in den Raum neben uns - alle Turkuer vereint in einem Wohnbereich. Matti als Professor war natürlich in einem etwas komfortableren Bereich untergebracht... Da wir selbst nach dem Beziehen und Besichtigen der Zimmer noch massig Zeit hatten, haben wir uns die Umgebung ein wenig genauer angesehen und zum Beispiel die Lage der Sauna-Häuser erkundet. Immerhin war es total sonniges Wetter und die Natur war wirklich schön. Als wir wieder zurück kamen von unserem Spaziergang, war der Bus aus Helsinki und Oulu bereits eingetroffen und das Mittagessen stand bereit. Anschließend ging es los mit den ersten Vorträgen. Danach hatten wir eineinhalb Stunden Pause zum Kaffee trinken, Fußball spielen, Wandern/Spazieren oder den netten Vertriebsleuten von Sigma, einem Hersteller von Laborchemikalien, ein wenig Info- und Werbematerial abzuschwatzen. Immerhin haben sie die Konferenz zum großen Teil gesponsort und wollen dafür natürlich auch etwas verkaufen ;-). Wir haben uns für Kaffee und nochmal durch die Wälder laufen entschieden.

 Das große Sauna-Haus am See...

 ... der seeeehr lang war ...

 ... und direkt am Waldrand lag.

Nach der langen Pause gab es weitere Vorträge und dann endlich meine Chance, mein Poster vorzustellen, eine Stunde Poster-Session. Geplant waren eigentlich eineinhalb Stunden, doch die Vorträge haben ein bisschen länger gedauert. Und Matti, der Moderator der zweiten Vortragsrunde war, hat die Diskussionen recht lange laufen lassen. Vermutlich, weil er selbst vor dem ersten Vortrag noch ein paar Sachen vorgestellt hatte und dann nicht anderen Leuten die Zeit klauen wollte. Als Matti sich mein Poster angesehen hat - er hatte es vorher nicht zu Gesicht bekommen - hat er zum ersten mal ein paar genauere Ideen angesprochen, was ich noch untersuchen sollte und wie die Arbeit so im groben verlaufen könnte. Auch wenn das vor allem viel neue Arbeit bedeutet, fand ich das Gespräch sehr gut. Denn bisher hatte ich das Gefühl, dass ihm die Versuche meiner Arbeitsgruppe relativ wenig interessierten. Andererseits ist er ständig unterwegs und koordiniert so viele Dinge, dass er für die einzelnen Projekte einfach nicht so viel Zeit aufbringen kann. Zur Erholung nach der Poster-Session ging es dann in die Sauna. Insgesamt gab es auf dem Gelände drei Saunen, eine im Hauptgebäude in der auch der Essensraum war und zwei getrennte Sauna-Häuser am See, die große und die kleine Sauna. Im großen Sauna-Haus, wo wir Frauen schwitzen durften, gab es einen Umkleide-Vorraum, in dem auch Bier und Cider bereit standen (allerdings keine alkoholfreien Getränke...), vier Duschen und die große Sauna. Das kleine Saunahaus (an diesem Abend die Männer-Sauna) verfügt angeblich nicht über Duschen. Wassereimer stehen aber dennoch bereit. Und man hat ja den See. Das mit dem See ist leider kein Scherz, mir wurde schon auf der Hinfahrt prophezeit, dass ich das unbedingt probieren solle. Raus aus der Sauna und rein ins Wasser. Das klingt sicherlich verlockend im Sommer - wenn das Wasser um die 20°C hat. Aber im Herbst?! Ich war ja immer noch skeptisch... Die Sauna hatte angenehm-feuchte 96 °C auf der obersten Sitzbank.
Generell gilt, je weiter oben man sitzt, desto wärmer ist der Spaß. Der Sauna-Ofen war wohl von einer etwas älteren Sorte, er war sehr groß und wird einmal tagsüber mit Feuer angeheizt und hält dann mehrere Stunden die Wärme. Die neueren Sauna-Öfen sind häufig elektrisch. Dabei werden dann Steine über eine Heizspirale aufgewärmt, das heizt natürlich schneller auf, hält die Wärme allerdings auch nicht so lange.
Da saß ich also mit Ida auf der obersten Bank, bei unglaublich warmen 96 °C und musste mir die Ratschläge anhören, wie man sich am besten überwindet, in den See zu springen. Als wir schon eine Weile dort saßen und bereits überlegten, wie lange wir es noch aushalten, bevor wir uns abkühlen wollten, kam auch Petra in die Sauna. Sie wollte wissen, ob ich mich trauen würde, in den See zu gehen. Denn wenn, dann müsste sie als Finnin ja mithalten. Das, ein gewisser Gruppenzwang und der Gedanke, dass ich so etwas wohl schon ausprobieren sollte, wenn ich hier für mehrere Jahre lebe, hat tatsächlich dazu geführt, dass ich nach der Saune mit Ida den Steg zum See runtergelaufen bin - dabei habe ich mir selbst immer wieder gesagt, dass die Finnen das schließlich alle machen und noch leben, so dass auch ich das überleben werde (hoffentlich...). Auf der ersten Stufe der Metall-Leiter habe ich mich nur noch gefragt, was ich hier eigentlich mache und wollte schon wieder hoch gehen. Immerhin war allein die Metallstufe schon sehr kalt, auch die Außentemperaturen bei Wolkenfreiem Himmel fühlten sich nicht gerade warm an. Dennoch hab ich die zweite Stufe genommen und mich dann ohne Nachzudenken von der Leiter weggedrückt. Ansonsten wäre ich wohl wieder hochgeklettert. So war ich bis zum Hals im Wasser und weit genug von der Leiter entfernt, dass ich ein paar Schwimmzüge machen musste. Die ersten drei Sekunden im Wasser war es einfach nur kalt. So kalt, dass es sich wie tausend kleine Nadelstiche auf der Haut angefühlt hat. die nächsten paar Sekunden bis zum Erreichen der Leiter fingen meine Finger und Zehen an, sich taub anzufühlen. Ich bin schnell wieder hochgeklettert, habe mich in mein Handtuch gewickelt und geflucht, wie kalt es ist während Ida ins Wasser gegangen ist. Das Schimpfen und Bibbern ging etwa 20 Sekunden, dann wurde mir auf einmal sehr warm. Wir standen immer noch draußen, feucht, nur im Badeanzug und dennoch war mir warm. Zurück im Sauna-Haus habe ich deshalb die Dusche vor der Sauna (die man immer nimmt, damit man 1. feucht ist, wenn man die Sauna betritt und 2. keinen alten Schweiß mit in die Sauna trägt der dann auf Dauer wohl den Geruch in der Sauna negativ beeinflussen würde) kalt eingestellt. Gut abgekühlt ging es dann erneut in den über 90 °C warmen Raum. Dort stellten sich dann langsam Glücksgefühle ein. Ich hatte überlebt, keine Finger oder Zehen waren blau angelaufen und ich hatte tatsächlich Lust, das ganze nochmal zu machen. Im Nachhinein betrachtet weiß ich nicht, wieso. Ich schieb es also auf den Endorphin-Ausschuss - böse Glückshormone... Insgesamt war ich somit drei Mal in der Sauna, zweimal im See und habe nach dem dritten mal richtig geduscht und mich fürs Abendessen fertig gemacht. Das Abendprogramm sah ein Essensbuffet und drei Gruppen-Spiele vor. Nach dem Pflicht-Teil gab es dann noch Getränke, Gespräche und die Möglichkeit zu tanzen. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass ich keinen großen Wert darauf lege, Kollegen von mir im angetrunkenen Zustand zu fragwürdiger Musik tanzen zu sehen ;-). Eventuell hätte ich mehr trinken sollen. Allerdings waren für den nächsten Tag ja noch einige Vorträge geplant, sich betrinken war also keine so gute Option. Gegen Mitternacht haben Ida und ich uns somit das Bett aufgesucht. Das Samstags-Programm ähnelte im Großen und Ganzen dem Nachmittags-Programm vom Vortag. Erst gab es Essen - in diesem Fall Frühstück. Anschließend mehrere Vorträge, eine Kaffee-Pause, noch mehr Vorträge - darunter auch Idas Präsentation - und abschließend noch ein gemeinsames Mittagessen. Da das Wetter heute vormittag mit Nieselregen und kalten Temperaturen sowieso nicht zu Spaziergängen eingeladen hatte, war das Fehlen einer längeren Pause auch verkraftbar. Außerdem konnten wir so schon gegen 1:00 Uhr die Heimfahrt antreten.

Fazit des Wochenendes: Dadurch, dass insgesamt nur etwa 40 Teilnehmer da waren, war das Treffen nicht ganz so anonym und dadurch selbst als Neuling doch sehr angenehm. Außerdem habe ich nun den Punkt "Von der Sauna in eiskaltes Wasser hüpfen" abgehakt und es überlebt. Was heißt, dass ich es nun auch überleben werde, falls ich irgendwann im Winter zu einem Sauna-Besuch mit Eisloch-Schwimmen eingeladen werden sollte. Wobei ich nun nicht aktiv nach einer solchen Gelegenheit suchen würde. Trotz massivem Ausstoß von Glückshormonen überwiegen im Moment dann doch mein gesunder Menschenverstand und mein Überlebenstrieb. Und beide sagen mir, es ist nicht normal, seinem Körper einen schnellen Umgebungstemperatur-Wechsel von fast 100 °C anzutun. Obwohl diese Waldforschungsstation wirklich in der Pampa liegt und es Herbst ist, haben wir keine Elche gesehen :-(.

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